Wednesday, August 15, 2007


Additum 283 - Stahlfolterer

15. 08. 2007, 18:52 MEZ
Motu proprio Nongrata sancti scibit Vermiculis sanctis.

CC: Benedikt XVI., Dr. Ralph Bergold - Katholisch-Soziales Institut (KSI), Bernhard Docke - Anwalt von Murat Kurnaz, Prof. Dr. Theodor W. Hänsch - Physik-Nobelpreisträger - Papstberater, Prof. Dr. August Heuser - Dommuseum Frankfurt am Main, Prof. Dr. Fotis Kafatos - Molekularbiologe - Biotechnologe - Papstberater, Wolfgang Kaleck - Anwalt für Menschenrechte, Prof. Dr. Jörg Kinzig - Strafrechtler, Prof. Thomas Macho - Kulturwissenschafter, Dr. Maria Meesters - Katholische Rundfunkarbeit am SWR, Prof. Dr. Wolf Singer - Hirnforscher - Papstberater, Dr. Vehlow & Wilmans - Rechtsanwälte, Benedikt Widmaier - Akademie für politische und soziale Bildung der Diözese Mainz, Michael Witti - Anwalt für Menschenrechte, Apostolische Nuntiatur in Berlin, Deutsche Bischofskonferenz (DBK), Katholisch-Soziales Institut (KSI), Kontemplative Schwestern vom Guten Hirten, Päpstliches Komitee für Geschichtswissenschaften, Radio Vatikan, Radio X


Liebe Vermiculi sancti,

es gibt nicht nur den Albtraum des zutiefst befremdlichen Marketingkonzepts der von euch erwähnten Hotel-Gesellschaft, die Folter als Animation in allen elenden Ausprägungen anbietet. Es gibt auch den Albtraum der sogenannten Stahlfolterer. Das sind Robotermaschinen zur Folterung von Menschen.

Als Pendant zu den schon jetzt im Einsatz befindlichen, ein Meter großen Stahlsoldaten, dem Tötungsautomaten
(siehe: Krieg der Roboter; http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,499426,00.html), kommt in modernsten Folterkomplexen
ein zwei Meter großer Stahlfolterer zum Einsatz. Seine Kameraaugen und sein Zyklopenauge richtet er frontal auf einen Gefangenen, der in einem spitzwinkligen, gleißend hellen Raum steht. Der Stahlfolterer bewegt sich, gezogen wie von der Hand eines bösen Zauberers, auf Ketten kraftvoll tänzelnd auf den Entsetzten zu, drängt ihn mit unerbittlicher Robotergewalt in die engste Ecke und foltert ihn mit stahlkalter Perfektion. Unter anderem drückt er seine stählernen Greifer direkt in die Augen des Gefangenen, was unbeschreiblich große Schmerzen verursacht. Bisher war ein derartiges Vorgehen der ERF, der "Extreme Reaction Force" vorbehalten. (Tod in Camp Delta, Der Spiegel, 33 / 2007, S. 61)

Die Vorteile des Einsatzes nunmehr auch eines Stahlfolterers liegen auf der Hand: Der Stahlfolterer wird beim Foltern nie müde, setzt Stromschläge mit größter Präzision, ist unempfindlich gegen Hitze und Kälte und kann selbst bei größten Temperatursprüngen, die er eigenständig regelt, in unmittelbarer Nähe des zu Quälenden verharren. Somit kann der Autonome fortwährend äußersten Angststress bei seinem Gegenüber erzeugen, ohne jemals bei der dreckigen Arbeit für sein Vaterland unter Kopf- oder Bauchschmerzen zu leiden, da er weder Kopf noch Bauch fühlt. Seine Mission der automatisierten und qualitativ hochwertigen Folter übt er ohne schlechtes Gewissen aus. Er ist so robust gebaut, dass es auch dem stärksten Gefangenen unmöglich ist, sich seiner zu erwehren. Zudem besitzt er feinste Düsen, die neueste chemische Substanzen aushauchen. Um ihn zu programmieren, braucht es nur eine Tastatur und eine Maus. Durch die Schöpfung dieses Folterautomaten ist der Folterer aus Fleisch und Blut ersetzt und wird zum Mann ohne Job, der dadurch aber Muße findet, in die einzig wahre Kirche einzutreten, um das Himmelreich zu erlangen. Vorteilhaft ist zudem: der Stahlfolterer kann rechtlich nicht belangt werden. Die vorprogrammierte Befehlskette bis zum Folterautomaten ist so undurchschaubar, dass niemand ermitteln kann - wenn es denn überhaupt jemand wollte - wer für das unvorstellbar grausame Tun des Stahlfolterers verantwortlich gemacht werden könnte. Aber im Verborgenen gibt es sie, diese Männer und Frauen, die das Heer der Stahlfolterer steuern.

Für das öffentliche Leben sind Stahlfolterer unentbehrlich. Ihre integrierten Kameras zeichnen die extreme Angst und die Verzweiflung der gefolterten Gefangenen minutiös auf und senden das Geschehen an alle Fernsehstationen der Welt, die es dann zu bester Sendezeit an Stelle von Fußball übertragen. Aus kultureller Sicht knüpft diese neue Sitte an die einstigen Geschehnisse im Kolosseum in Rom an. Wirtschaftlich gesehen, sind die Folterautomaten ein Exportschlager. Die Hersteller präsentieren die Maschinen auf roadshows in der ganzen Welt, und die wertneutral denkenden Gewerkschaften begrüßen die vielen Arbeitsplätze, die durch die arbeitsintensive Fertigung der hoch technisierten Stahlfolterer geschaffen werden.

Letzte Woche sagte Präsident Bush im Hinblick auf die Freilassung von Guantanamo-Häftlingen in Washington, es sei das Ziel der Vereinigten Staaten, Guantanamo [im sechsten Jahr?] zu schließen; doch die Verzögerungen hingen mit dem Widerstand einiger Länder zusammen, Guantanamo-Häftlinge wieder aufzunehmen. "Eine Menge Leute wollen keine Killer in ihrer Mitte, und viele dieser Leute sind Killer."

Bush, der das Wort "killen" und seine Abkömmlinge auffällig oft in den Mund nimmt, lässt die Perspektivenübernahme, das "Taking the attitude of the other" vermissen. Er kann sich nicht in die Sichtweise der anderen, der von ihm als "Killer" Abgewerteten, versetzen, sie nicht verstehen und darum auch nicht für die sofortige Beendigung ihrer grauenhaften Situation sorgen. Der als Cowboy Verkleidete gehört wohl zu einem stahlharten Typ Mensch, der irritierenderweise damit leben kann, unermessliches Leid durch Bomben und Foltern zu verantworten - und der den Albtraum der Stahlfolterung befördert.

Ceterum censeo, tormentum bellumque esse interdicenda.

Mit herzlichen Grüßen

Nongrata

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